Georg Rejam

Autor
Wien
06. Januar 2014

Eine Halltal Wanderung der besonderen Art

Alle Jahre wieder … Eine Halltal Wanderung der besonderen Art

Es war ein wunderschöner Tag im Frühherbst im Halltal. Wieder einmal hatten wir mit dem Wetter Glück gehabt, wie fast jedes Mal in den letzten Jahren. Die Morgensonne brachte die bereits roten und gelben Blätter zum Leuchten. Feurig wie in einem Kamin sah es aus, das kleine Buchenwaldele am Beginn des Halltals. Wir waren zeitig aufgebrochen, hatten bei der Bergerkapelle für eine kurze Andacht gehalten. Seit ein paar Jahren dankten wir Gott jedes Mal dafür, dass wir alle vier noch gesund und am Leben waren, keine Selbstverständlichkeit mehr in unserem Alter. In St. Magdalena kehrten wir auf eine Jause ein. Schon seit einigen Jahren gingen wir alles viel gemütlicher an. Wir hatten keine Eile, wollten die gemeinsame Zeit mit Plaudern auskosten. Und vor allem auch die Schönheit der Natur hier in den Tiroler Bergen. Das sanfte Karwendelgebirge mit dem schroffen Bettelwurf hat es uns allen schon seit damals angetan. Darüber waren wir uns trotz aller Unterschiede bald einig, zwei Weana Bazi und zwei Tiroler Manda.

Nachdem wir wieder einmal das imposante Bergpanorama mit Blick auf den Salzberg vor tiefblauem Himmel bewundert und die obligatorischen Erinnerungsfotos geschossen hatte, spazierten wir beschwingt weiter. Wir erreichten bereits vor Mittag die Herrnhäuser. Wie jedes Jahr mussten wir feststellen, dass Kultur einem schnelleren Verfall ausgesetzt ist als die Natur. Kaum zu glauben, aber es waren tatsächlich einige Lenze vergangen, seit wir einander beim Paras kennengelernt hatten. Mit StG77 und kleiner Wolke waren wir damals wochenlang durch die Wälder gezogen. Gebirgsjäger LWSR 63 in Absam. Damals eben. Und heute? Wir waren dabei zum dreißigsten Mal auf die Bettelwurfhütte zu wandern. Diesmal hatten wir die Kiste dabei, unsere Kiste. Ich hatte die Ehre, sie zu tragen, zumindest zu Beginn. Es war ja auch mein Jahr. Leicht war dieses Ding gerade nicht. Massives Messing eben, noch dazu die Einwürfe all der Jahre. Wir wechselten schließlich die Rucksäcke regelmäßig. Jeder sollte etwas davon haben und dazu beitragen. Die Kiste symbolisiert schließlich auch unsere langjährige Freundschaft und enthält die ganze Geschichte. Wir waren alle schon recht aufgeregt.

Am späten Nachmittag erreichten wir die Hütte. Wie jedes Jahr bezogen wir erst das Bettenlager und setzten uns dann zum ersten wohlverdienten Bier zusammen. So wie der Salzberg hier einen Schatz für die Menschen der Region darstellte, so hatten wir unsere wertvollen Erinnerungen der letzten Jahrzehnte in der Kiste mitgebracht. Diese wollten wir nun gemeinsam bergen. So war der Plan. Das Datum der Öffnung hatten wir gleich an jenem Abend in die Kiste gehämmert, als wir diese in der Werkstatt unseres Spenglermeisters gebaut hatten. Die Idee dazu war in einer langen Nacht bei unserem ersten Herrnwochenende entstanden. Die Umsetzung folgt bald darauf in Wien. Was wir damals nicht geklärt hatten, war das wie. Wie sollten wir nun mit unseren Jahresbilanzen umgehen? Jeder von uns hatte Jahr für Jahr die 23 Fragen beantwortet. Lieblingsbuch und liebster Film? Mein Traumberuf? Worauf bin ich stolz? Worauf weniger? Was war das lustigste Erlebnis des Jahres? Und welches das peinlichste? Fein säuberlich versiegelten wir die Antworten und warfen diese zu unserem traditionellen Jänner-Treff beim Heurigen Fuhrgassl-Huber in unsere Kiste. Die Meinungen gingen wild auseinander, wie bei unserem ersten Treffen in der Kaserne, als es darum ging, warum man überhaupt zum Bundesheer gehen sollte. Die Tiroler waren sich jetzt zwar einig darüber, dass jeder seine Einträge zuerst alleine sichten wolle, aber ob daraus überhaupt gelesen werden solle, bestand kein Konsens. Die Wiener wollten unbedingt öffentlich vorlesen, waren aber uneins, ob alle Jahre oder nur zufällig ausgewählte, und ob nicht jeweils jemand anderer als der Verfasser vortragen sollte. Ob vorherige Zensur oder blinde Freigabe war auch beim fünften Bier als die die Sonne unterging keine Einigung in Sicht. Der Wirt, unseres Disputs überdrüssig, schlug pragmatisch vor, die ganze Sache zu vertagen. Im Gemeinderat gingen sie schließlich auch immer so vor.

Als wir am nächsten Tag den Abstieg bei ebenfalls traumhaftem Wetter genossen hatten, war wir uns unten im Tal einig darüber, dass dies die beste Lösung sei. Aus einem „Einser“ ließe sich sehr leicht ein „Zweier“ meißeln. Damit hatten wir zehn Jahre gewonnen, und einen guten Grund einander weiter regelmäßig zu treffen, zu philosophieren sowie die Schönheit dieser Halltal Wanderung als Fixpunkt des Jahrs zu erleben.

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